Bericht 50er Jahre - Freunde und Förderer der Ev.-luth. Kirche in Lauenburg/Elbe e.V.

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Bericht 50er Jahre

Triumphkreuz in den 1950er Jahren

Bei der grundhaften Renovierung unserer Maria-Magdalenen-Kirche in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde auch am Kruzifix gearbeitet. Es wurde bereits 1951 gewürdigt, damit es wieder in die Kirche zurück kehren und aufgehängt werden konnte. Lesen Sie hier einen Beitrag von Gerhard Eimer aus dem Gemeindeblatt vom Dezember 1951:

Der Heiland am Kreuz ist der Mittelpunkt der Christenheit aller Völker und Zeiten. Selbst in der ärmsten Kirche sieht daher das Kreuz als ständige Vergegenwärtigung des Geschehens auf Golgatha, das alle Menschen angeht.

In der Zeit vor fünfhundert Jahren, als die Religiosität des Abendlandes einen Höhepunkt erlebte, begann man in Niederdeutschland, in der Mitte der Kirchen vor dem Altar monumentale Kreuze aufzurichten; die sich meist - umstanden von Maria und Johannes - frei stehend auf einem Balken erheben. Man knüpfte damit an eine alte Gewohnheit an, aber das Neue war, dass nun die Kreuze immer mächtiger wurden, sie wollten dem Menschen den Mittelpunkt des Glaubens, den Triumph des Gekreuzigten nahe bringen. So beherrschte das riesige Triumphkreuz von Notke im Lübecker Dom den ganzen Raum des großen Bauwerks. Bald wird das Werk Bernt Notkes, von Brandspuren befreit und von nachträglichen Übermalungen gereinigt, wieder am alten Ort die Kirchenbesucher ergreifen können. Auch große ostdeutsche Kirchen (unter anderem St. Marien und St. Brigitten in Danzig, die Dome zu Kolberg und Cammin in Pommern) besaßen oft ihre alten Triumphkreuze noch.

Ebenfalls in der Lauenburger Kirche hat sich dieses Denkmal mittelalterlicher Frömmigkeit erhalten. Dies ist allein der Lauenburger Gemeinde zu verdanken, welche die Rückführung des 1827 entfernten und der Vernichtung preisgegebenen Kunstwerkes erzwang. Frau Justizrätin Albinus, die Gemahlin des Stifters der Schule, sammelte selbst die Unterschriften, um den Willen der Bevölkerung durchzusetzen. Bei den scharfen Auseinandersetzungen wurde leider das Kreuz verstümmelt und die Figur des Gekreuzigten durch einen braunen Anstrich entstellt. Der Längsbalken des Kreuzes wurde oben und unten gekappt, denn man wollte absichtlich das Kunstwerk so hoch wie möglich unter die dunkle Decke hängen, um es dem Blick der Gemeinde zu entziehen. So bekam man einen falschen Eindruck von dem beachtlichen Werk.

Aber die beiden besten Kenner der niederdeutschen Plastik um 1500, Prof. Wentzel und Dr. Meyne, ließen sich schon früher bei einer gelegentlichen Durchsicht der erhaltenen kirchlichen Bildwerke im Elbegebiet darin nicht täuschen. Diesen guten Eindruck bestätigt auch die Herabnahme des schweren Kreuzes im vorigen Jahr. Nun kann man den etwas überlebensgroßen Körper von nahem sehen.

Der Kopf ist ausdrucksvoll und hat trotz der großen Form feine Züge. Gerade hier sieht man, dass dieses Werk weit über dem Durchschnitt steht. Der Brustkorb ist hochgebaut und massig, die Beine im Verhältnis dazu etwas kurz; was durch die ursprüngliche Aufhängung (bis 1590) an der Ostwand hoch über dem Hauptaltar bedingt war. Von der sorgsamen alten Bemalung des massiven Holzkörpers auf einer Grundlage aus Kreide und Leinwand haben sich große Partien unter den nachträglichen Anstrichen erhalten. Zu dem alten Gesamteindruck gehören auch die um 1830 abgerissenen stilisierten Blumen, an den Scheiben der Kreuzbalkenenden mit den Evangelisten-Symbolen, also ähnlich wie bei dem gleichaltrigen Triumphkreuz der Möllner Kirche. (In Lütau und Kuddewörde liegen die Triumphkreuze seit etwa 100 Jahren auf dem Kirchenboden und haben sehr darunter gelitten.)

Über mehr als viereinhalb Jahrhunderte hat das Lauenburger Triumphkreuz im Mittelpunkt seiner Gemeinde gestanden. Aber nicht nur deshalb ist es uns wichtig, sondern auch weil es uns in seiner Eindringlichkeit als Kunstwerk viel zu sagen hat. Der unbekannte Bildhauer hat hier eine Form gefunden, die im kirchlichen Raum auch heute Geltung hat, weil sie zeitlos ist.

Gerhard Eimer
Gemeindeblatt für die Maria-Magdalenen-Kirche Nr. 10, Dezember 1951
Foto oben:
Triumphkreuz in den 1920er Jahren.
(Foto von Erich Knackendöffel, damals Hohler Weg 4)

Unten:
Nach Abbau der oberen Nord-Empore (Foto aus Sammlung Propst Dr. Augustin)
Das Lauenburger Weihnachtskreuz
Weihnachts-Kreuz? Stoßen in dem einen Wort nicht zwei sich völlig widersprechende Welten aufeinander? Aber geben wir dem Altmeister der heutigen Dichter, Rudolf Alexander Schröder, das Wort:

"Kreuz und Krippe. Sprich's nicht aus / bete, dank' und weine! / Wo hast du dein irdisch Haus, / und wo Gott das seine?"
"Ein Kindlein bringt dir große Freud: / ach denk, ach denk, was das bedeut'! Schau's an, als wär's dein eigen Kind: / den Weg nach Golgatha beginnt." "Der Sohn, der in der Krippe ruht, / und der am Kreuze hangt, / Und den mit Leib und den mit Blut / all Stund nach dir verlangt!"
"Welt, Welt! - Und sorqst so gern / für dich und deine Sippe, / und hast für deinen Herrn / nur Kreuz und Krippe? - Er will nur Kripp und Kreuz, / will sonst an mir nichts haben, / sprach Welt. - Ach, Welt, mich reut's / all deiner Gaben. / "
"Der Stern ging auf, so kommt und wacht, / legt euer Leid / und Trauern ab: um Mitternacht / beginnt die Gnadenzeit. / Mitternacht muß dunkeln, / dann führt uns sein Funkeln / hin, wo der im Kripplein liegt, / der den Tod im Tod besiegt."

Das Lauenburger Triumphkreuz ist eines der wertvollsten seiner Art in unserem ganzen Land. Kunst und Altertumserforschung haben es erst jetzt richtig entdeckt. Als man es vor über 100 Jahren mit brauner Farbe überschmierte, sogar das untere der an den vier Enden befestigten Evangelisten-Symbole absägte, um das Kreuz im flachen Bogen des Gewölbes zwischen Kirchenschiff und Altarraum "abzustellen", war eine Zeit, in der man auch sonst mit dem Kreuz Christi nicht viel im Sinn hatte. Man glaubte, in einer immer fortschreitenden, sich aufklärenden und immer besser werdenden, sich selbst erlösenden Welt zu sein. Nun ist das alte Kreuz "wiederentdeckt" worden. Man hat in der Tat Erstaunliches enthüllt. Mehrere Farbschichten waren im Laufe der Jahrhunderte über die ursprüngliche gezogen worden. Der Restaurator und Kirchenmaler Carl Fey aus Talmühle hat in monatelanger Arbeit unter Aufsicht des Provinzialdenkmalpflegers Dr. Hirschfeld eine Schicht nach der anderen abgelöst, um die herauszuholen, die der erste Maler diesem gegeben hat. Um 1470, vor Luthers Geburt, hat ein Unbekannter dies Werk geschaffen. Man hält ihn für einen Schüler des berühmten Lübecker Holzbildhauers Bernt Notke. Es muss ein Mann von starker Glaubensinbrunst gewesen sein. Nur ein solcher konnte aus einer auch so empfindenden Zeit heraus ein Werk hervor bringen, in dem das ganze Leiden des Erlösers sich zugleich verbindet mit dem Bewusstsein des Überwinders. "Es ist vollbracht", so scheint es dieser Christus darzustellen, - das Erlösungswerk, das in der Krippe begann.

Aus einer Eiche, die damals auch schon uralt war, ist der Körper geschnitzt. Die Farbschicht war mit einer Kreidemodellierschicht verbunden. Die angespannten Adern an den Armen und Füßen z. B. werden nun noch stärker betont. Oder die Blutstropfen und Rinnsale an Füßen, Händen, Brust und Haupt, ja sogar Tränenspuren unter den Augen konnten mit dieser Kreideschicht besser herausgeholt werden. Dies alles wieder freizulegen in Farbe und Form, ist dem Künstler erstaunlich gut gelungen. Überall da, wo diese unterste Farbschicht schon früher verschwunden gewesen war, - weshalb offenbar dann eine neue Übermalung erfolgte - hat der Maler absichtlich und nach heutigem Brauch bei Restaurierungen keine ergänzende, "ausflickende" Farbe darauf getan, sondern hat das dunkle, gemaserte Eichenholz ohne Farbe stehen lassen. Nur ganz wenige Ergänzungen haben sich zur Steigerung der Wirkung ergeben, z. B. die goldenen Heiligenscheine in den vier Relief-Emblemen an den Enden der Kreuzbalken sind neu vergoldet worden, damit die Köpfe der Evangelisten-Symbole sich besser hervorheben. Teile des Körpers sind von seinem Schöpfer bei der ersten Übermalung s. Z. auch mit Leinewand, die dann mit der Kreideschicht verbunden wurde, überklebt worden. Wo diese Leinewand hervor-schimmerte, ist sie mit neuem Grund übergangen worden. Die Dornen der Dornenkrone waren nicht mehr die der ursprünglichen Form, sind daher ganz erneuert worden.

Alles in allem ist es gelungen, die hohe Qualität der Arbeit des "Fassmalers" zu erhalten. So nennt man ja die Maler, die die ursprüngliche Fassung der Form, des Schnitzwerkes, zuerst mit Farbe behandelt und zugleich modelliert haben, bevor spätere Geschlechter mit ihrer Farbe darüber gingen. Es ist nach Aussage des Malers auch eine große Seltenheit, dass die Farbe des Kopfes unter so viel Farbschicht in der alten Fassung so gut wie vollständig hervorkam. Das ist um so wertvoller, als die Bemalung des Gekreuzigten durch den Fassmaler so fein aufgefasst und behandelt worden ist, wie es in der Tafelbildmalerei uns überliefert ist.

Dieses uralte und nun wieder neue heimatliche Triumphkreuz soll das schönste Weihnachtsgeschenk an unsere Kirchengemeinde sein. Auch seine Aufhängung an Ketten über dem Altar hat ihren besonderen Sinn.

Etwa bis zum Jahre 1000 hat man so die Kreuze freischwebend aufgehängt. Nicht nur aus der Erde sah man sie herauswachsen, auch nicht nur an der Wand brachte man sie an. Wie auf alten Gemälden Gott-Vater mit beiden Händen den am Kreuz hängenden Sohn der Welt als sein größtes Geschenk herunter reichte, so fasste man diese Triumphkreuze damals auf, als von unsichtbaren Vaterhänden der Gemeinde dargeboten. Der Unterzeichnete hat darüber ausführliche Gutachten von Professoren der Kunstgeschichte und der Theologie, von Sachverständigen für Liturgie, Kirchbau und Kirchenkunst, sowie von Künstlern eingeholt, die alle diese Art der Anbringung des Kreuzes, wie sie jetzt sich schon verschiedentlich durchgesetzt hat, begrüßen und in ihren Darlegungen vielseitig begründen.

Wenn wir es nun von Weihnachten an dort hängen sehen, dann wollen wir es hinnehmen mit den Gedanken, die der im letzten Krieg zu Grunde gegangene Jochen Klepper uns vorspricht:

"Die Feier war zu bunt und heiter,
mit der die Welt dein Fest begeht.
Mach uns doch für die Nacht bereiter,
in der dein Stern am Himmel steht.
Und über deiner Krippen schon
zeig uns dein Kreuz, o Menschensohn!"

Bahr, Pastor
Gemeindeblatt für die Maria-Magdalenen-Kirche Nr. 20, Dezember 1953
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